Ist Deutsch schwer zu lernen?
Deutsch hat einen harten Ruf, und ein Teil davon stimmt. Aber die Schwierigkeit steckt in vier konkreten Punkten, und an anderen Stellen ist Deutsch leichter, als sein Ruf vermuten lässt.
- Ja, Deutsch gehört zu den anspruchsvolleren Sprachen. Vier Fälle, drei grammatische Geschlechter und der Satzbau sind die eigentlichen Hürden.
- Vieles ist aber leichter als erwartet: Die Aussprache folgt der Schrift, und viel Wortschatz ist mit dem Englischen und Lateinischen verwandt.
- Auf der fünfstufigen Skala liegt Deutsch bei 4 von 5. In der Deutschschweiz kommt der Dialekt als getrennte Aufgabe dazu.
Die vier echten Hürden
Der Ruf von Deutsch als schwerer Sprache stützt sich auf vier Eigenschaften. Wer sie kennt, kann gezielt an ihnen arbeiten, statt sich diffus überfordert zu fühlen.
- Die vier Fälle. Artikel und Adjektive verändern sich je nach Rolle im Satz. Das ist die grösste Hürde, weil es in fast jedem Satz vorkommt und lange dauert, bis es im Sprechen automatisch sitzt.
- Das grammatische Geschlecht. Der, die oder das ist nur begrenzt vorhersehbar und muss zu jedem Substantiv mitgelernt werden, weil sich Artikel und Adjektive danach richten.
- Der Satzbau. In Nebensätzen wandert das Verb ans Ende, und trennbare Verben spalten sich auf. Beides zwingt zum Vorausplanen des Satzes.
- Die Wortlänge. Deutsch setzt Begriffe zu langen Komposita zusammen. Das schreckt optisch ab, ist aber ein Vorteil, weil sich die Bedeutung aus den Teilen erschliessen lässt.
Was leichter ist als sein Ruf
Gegen die Hürden steht eine Reihe von Eigenschaften, die Deutsch für viele Lernende zugänglicher machen, als der Ruf erwarten lässt.
Die Aussprache folgt weitgehend der Schrift. Anders als im Englischen oder Französischen sagt dir das Schriftbild ziemlich zuverlässig, wie ein Wort klingt. Wer die Ausspracheregeln einmal kann, liest fast jedes Wort korrekt vor.
Der Wortschatz ist teilweise vertraut. Deutsch teilt mit dem Englischen die germanische Wurzel und mit vielen Sprachen den lateinischen und griechischen Fachwortschatz. Wer Englisch kann, erkennt vieles wieder.
Und die langen Komposita, die zunächst abschrecken, sind eigentlich eine Hilfe: Ein zusammengesetztes Wort verrät seine Bedeutung, wenn man die Teile kennt, statt ein neues, unabhängiges Wort zu sein.
Der Dialekt in der Deutschschweiz
Für Lernende in der Deutschschweiz kommt eine Schwierigkeit dazu, die mit der Grammatik nichts zu tun hat: die Lücke zwischen dem gelernten Hochdeutsch und dem gesprochenen Dialekt.
Das ist keine dritte Grammatik, sondern eine Gewöhnung des Ohrs. Du lernst und sprichst Hochdeutsch, und niemand erwartet, dass du Dialekt sprichst. Aber das Verstehen des Dialekts entscheidet im Betrieb und im privaten Umfeld darüber, ob du dazugehörst.
Diese Aufgabe ist wichtig genug, um sie bewusst einzuplanen, und sie löst sich nur über Kontakt: viel Radio und Fernsehen aus der Deutschschweiz und die ausdrückliche Bitte an das Umfeld, im Dialekt zu bleiben statt aus Höflichkeit zu wechseln.
Wie schwer im Vergleich
Auf unserer fünfstufigen Skala liegt Deutsch bei 4 von 5, also anspruchsvoll. Es ist damit deutlich fordernder als Englisch, Spanisch oder Italienisch, aber klar zugänglicher als Japanisch, Chinesisch oder Arabisch, die bei 5 stehen.
Der Aufwand verteilt sich anders als bei den leichteren Sprachen: Der Einstieg ist zäher, weil Fälle und Geschlecht sofort auftauchen, aber es gibt kein Element, das so unüberwindbar wirkt wie ein neues Schriftsystem oder ein Tonsystem. Deutsch ist schwer im Sinne von aufwendig, nicht im Sinne von fremd.
Für die Motivation ist ein Punkt wichtig: Der Fortschritt fühlt sich am Anfang langsam an, weil viele Regeln gleichzeitig gelten. Wer die ersten Monate durchhält, für den wird es spürbar leichter, sobald Fälle und Satzbau ins Automatische übergehen.
Die Reihenfolge, die Deutsch leichter macht
Weil bei Deutsch viele Hürden gleichzeitig auftauchen, entscheidet die Reihenfolge über das Gefühl der Überforderung. Wer versucht, alles auf einmal richtig zu machen, blockiert sich.
Sinnvoll ist, zuerst das grammatische Geschlecht mit jedem neuen Wort mitzulernen, weil sich später alles andere danach richtet und nachträgliches Lernen mühsam ist. Ein Wort ohne sein Geschlecht zu lernen, ist halbe Arbeit, die man doppelt macht.
Danach kommen die Fälle, und zwar am besten in ganzen Sätzen statt in Tabellen. Eine Tabelle kann man auswendig und im Gespräch trotzdem nicht anwenden, weil dort keine Zeit zum Nachschlagen bleibt. Sätze mit der richtigen Form, oft wiederholt, bauen den schnellen Zugriff auf.
Der Satzbau schliesslich wird erträglich, wenn man akzeptiert, dass Deutsch das Vorausplanen des Satzes verlangt. Das fühlt sich anfangs unnatürlich an und wird mit der Zeit zur Gewohnheit, genau wie bei Muttersprachlern, die es nie bewusst gelernt haben.