Ist Russisch schwer zu lernen?
Russisch hat den Ruf, sehr schwer zu sein, und dieser Ruf sitzt am falschen Ort. Die kyrillische Schrift ist schnell gelernt, die eigentliche Arbeit ist die Grammatik.
- Russisch ist anspruchsvoll und liegt auf unserer Skala bei 4 von 5. Die Fälle, der Verbalaspekt und die bewegliche Betonung fordern am meisten.
- Die Schrift dagegen ist leicht: Das kyrillische Alphabet ist in wenigen Tagen lesbar und danach kein Thema mehr.
- Leichter als erwartet: keine Artikel, einfache Gegenwartsform, freie Wortstellung. Der Aufwand steckt in der Grammatik, nicht in der Schrift.
Die Schrift ist der leichte Teil
Der grösste Irrtum über Russisch betrifft die Schrift. Die kyrillischen Buchstaben schrecken ab, sind aber der am schnellsten erledigte Teil der ganzen Sprache.
Das Alphabet hat 33 Buchstaben. Mehrere sehen wie lateinische aus und klingen ähnlich, eine zweite Gruppe sieht vertraut aus und klingt anders, was die einzige echte Stolperfalle ist, und der Rest ist neu und in ein paar Tagen gelernt. Nach drei bis sieben Tagen liest man langsam, nach etwa vier Wochen ohne Anstrengung.
Der wichtigste Rat: von Anfang an keine lateinische Umschrift verwenden. Sie ist eine Abkürzung, die die Lesefähigkeit verzögert und falsche Aussprache einübt. Wer die Schrift früh lernt, hat sie hinter sich, bevor der eigentliche Aufwand der Grammatik beginnt.
Wo der Aufwand tatsächlich steckt
Drei Bereiche machen Russisch anspruchsvoll, und sie kommen in dieser Reihenfolge auf dich zu.
- Die sechs Fälle. Das Deutsche hat vier, hier kommen der Instrumental und der Präpositiv dazu. Jeder Fall hat eigene Endungen für drei Geschlechter und den Plural, und viele Präpositionen verlangen einen bestimmten Fall. Das ist die Hauptarbeit der ersten zwei Jahre.
- Der Verbalaspekt. Fast jedes Verb existiert in zwei Ausführungen, je nachdem ob eine Handlung als abgeschlossen oder als andauernd gedacht wird. Das ist keine Zeitform, sondern eine Sichtweise ohne Entsprechung im Deutschen, und für viele die grössere Hürde als die Fälle.
- Die bewegliche Betonung. Sie ist nicht an eine feste Silbe gebunden, verschiebt sich je nach Form und verändert die Aussprache der unbetonten Vokale, was das Hörverstehen erschwert.
Was leichter ist als erwartet
Gegen die schweren Bereiche steht eine Reihe von Erleichterungen, die Russisch zugänglicher machen, als der Ruf vermuten lässt.
Es gibt keine Artikel: kein der, die, das und kein a oder the, die man im Deutschen und Englischen ständig mitdenken muss. Die Gegenwartsform ist einfach gebaut, und es gibt keine komplizierten zusammengesetzten Zeiten wie im Französischen.
Die Wortstellung ist frei, weil die Fälle die Rollen im Satz markieren. Wer die Fälle beherrscht, kann Wörter umstellen, um Betonungen zu setzen, und gewinnt eine Ausdrucksfreiheit, die das Deutsche nicht bietet. Diese Freiheit ist am Anfang ungewohnt und wird später zum Vorteil.
Wie schwer im Vergleich
Auf unserer fünfstufigen Skala liegt Russisch bei 4 von 5, also anspruchsvoll, vergleichbar mit Türkisch und Deutsch als Fremdsprache. Es ist damit fordernder als die romanischen Sprachen, aber deutlich zugänglicher als Japanisch, Chinesisch oder Arabisch, die bei 5 stehen.
Der Unterschied zu Türkisch: Beide sind gleich aufwendig, aber Russisch fordert mit vielen Fällen und unregelmässigen Formen, Türkisch mit fremder, aber regelmässiger Struktur. Wer Ordnung mag, empfindet oft Türkisch als logischer, wer europäische Sprachen gewohnt ist, findet sich in Russisch mit seinem vertrauteren Wortschatz teils schneller zurecht.
Für die Motivation zählt: Der Aufwand steckt in einem klar benennbaren Bereich, den Fällen, und verteilt sich über die ersten zwei Jahre. Wer das weiss, deutet die zähe Phase nicht als Versagen und hält durch, bis die Muster automatisch kommen.
So gehst du die Fälle an
Weil die Fälle die eigentliche Hürde sind, entscheidet der Umgang mit ihnen über das Tempo.
Lern die Fälle nicht als Tabelle, sondern in ganzen Sätzen. Eine Tabelle kann man auswendig und im Gespräch trotzdem nicht anwenden, weil dort keine Zeit zum Nachschlagen bleibt. Sätze mit der richtigen Form, oft wiederholt, bauen genau den schnellen Zugriff auf, der im Gespräch zählt.
Nimm ab etwa Monat vier eine Lehrperson dazu, deren Hauptaufgabe die Korrektur der Endungen ist. Ohne Korrektur setzen sich falsche Formen fest, weil Muttersprachler im Alltag darüber hinwegsehen. Und halte in der zähen Phase zwischen Monat vier und acht durch, in der jeder Satz mehrere Entscheidungen verlangt, denn danach wird es spürbar leichter.