Wie lange dauert es, Rätoromanisch zu lernen?
Rätoromanisch ist eine romanische Sprache und damit für Deutschsprachige machbar. Belastbare Stundenrichtwerte gibt es aber kaum, weil zu wenige Menschen es als Fremdsprache lernen.
- Als romanische Sprache liegt Rätoromanisch grob im Bereich von Französisch, also für Deutschsprachige gut machbar. Belastbare Kursstatistiken fehlen jedoch.
- Der grösste Zeitfaktor ist nicht die Sprache selbst, sondern das knappe Lernangebot: kein App-Kurs, wenige Lehrmittel, und die Idiomfrage.
- Wer Material selbst zusammenstellt und ein Idiom wählt, kommt in ein bis zwei Jahren zu einer Alltagsunterhaltung, abhängig von der verfügbaren Übung.
Warum es keine belastbaren Richtwerte gibt
Für die meisten Sprachen gibt es Stundenrichtwerte aus grossen Kursstatistiken. Für Rätoromanisch fehlen sie, und das hat einen einfachen Grund: Zu wenige Menschen lernen es als Fremdsprache, als dass sich verlässliche Durchschnittswerte bilden liessen.
Was sich sagen lässt: Rätoromanisch ist eine romanische Sprache, verwandt mit dem Italienischen und dem Friaulischen, mit vielen Lehnwörtern aus dem Deutschen. Für Deutschsprachige liegt der Aufwand deshalb grob im Bereich einer romanischen Sprache, also machbar, mit vertrautem Wortschatz und einer zugänglichen Aussprache.
Der eigentliche Zeitfaktor ist nicht die Sprache, sondern das Drumherum: Weil es keinen App-Kurs und nur wenige Lehrmittel gibt, verbringt man mehr Zeit mit dem Organisieren des Lernens als bei einer grossen Sprache. Diese Eigenorganisation ist der Aufwand, der Rätoromanisch von Französisch oder Italienisch unterscheidet.
Die Idiomfrage entscheidet mit
Vor der ersten Lektion steht eine Entscheidung, die den Weg prägt: Rätoromanisch ist keine einheitliche Sprache, sondern besteht aus fünf regionalen Idiomen und einer überregionalen Dachsprache namens Rumantsch Grischun.
Für die Zeitrechnung ist das relevant, weil dein Material und deine Lehrperson vom gewählten Idiom abhängen. Wenn du eine bestimmte Region im Blick hast, etwa weil du dorthin ziehst oder familiäre Wurzeln hast, lernst du deren Idiom. Wenn du keine Region im Blick hast, ist die überregionale Schriftsprache der pragmatischste Einstieg.
Diese Entscheidung zuerst zu treffen, spart Zeit, weil ein Lehrmittel im falschen Idiom im Zielgebiet wenig nützt. Sie ist wichtiger als bei jeder anderen Sprache auf dieser Seite, weil die Idiome sich stärker unterscheiden als etwa die Varianten des Portugiesischen.
Was den Weg bestimmt
Weil die Sprache selbst machbar ist, entscheidet über das Tempo vor allem, wie gut du das knappe Angebot nutzt und ob du Übungsgelegenheiten hast.
Das öffentlich-rechtliche Angebot in rätoromanischer Sprache ist für diese Sprache nicht eine Quelle unter vielen, sondern faktisch die einzige verlässliche Hörquelle. Täglich zwanzig Minuten davon, ohne Anspruch auf vollständiges Verstehen, gewöhnen das Ohr an Klang und Rhythmus und sind kostenlos.
Der grösste Beschleuniger ist ein Aufenthalt oder eine Verbindung ins Sprachgebiet. Wer in einem rätoromanischen Tal Menschen hat, mit denen er üben kann, kommt deutlich schneller voran. Ohne solche Übung dauert es länger, weil Gelegenheiten fehlen, das Gelernte anzuwenden.
Für wen sich der Aufwand lohnt
Weil das Lernangebot knapp ist, lohnt sich eine ehrliche Vorüberlegung, für wen sich der Aufwand rechnet.
Er lohnt sich, wenn du in ein rätoromanisches Tal ziehst oder dort ein Haus hast, denn der Unterschied im Verhältnis zum Dorf ist schon bei bescheidenen Kenntnissen erheblich. Er lohnt sich bei familiären Wurzeln, die du zurückgewinnen willst, und aus reinem sprachlichem Interesse an einer der wenigen lebenden romanischen Kleinsprachen.
Für rein berufliche Ziele in der Schweiz sind Französisch, Englisch oder Italienisch die bessere Investition derselben Zeit, weil Rätoromanisch ausserhalb einiger Stellen in Graubünden kaum Türen auf dem Arbeitsmarkt öffnet. Und es gibt ein Argument über den persönlichen Nutzen hinaus: Jede Person, die die Sprache lernt und benutzt, verlangsamt den Rückgang ihrer Sprecherzahl ein wenig.
Ein realistischer Weg für das erste Jahr
Weil es keinen fertigen Kurs gibt, an dem man sich entlanghangelt, braucht diese Sprache mehr Eigenorganisation als jede andere. Dieser Ablauf hat sich bewährt.
- Zuerst die Idiomfrage klären, bevor du irgendetwas kaufst oder buchst. Sie bestimmt dein gesamtes Material.
- Ein gedrucktes Lehrmittel als Rückgrat, weil die vorhandenen Lehrmittel dir die Reihenfolge abnehmen, die dir sonst niemand vorgibt.
- Parallel von Anfang an hören, über das öffentlich-rechtliche Angebot, die faktisch einzige verlässliche Hörquelle.
- Ab etwa Monat drei eine Lehrperson, wenn du eine findest, und über das ganze Jahr eigene Sätze in einem Wiederholungssystem sammeln.