Wie lange dauert es, Serbisch oder Kroatisch zu lernen?
Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch sind für Lernende praktisch eine Sprache. Der Aufwand steckt fast vollständig in der Grammatik, nicht in der Schrift.
- Bis B2 sind für Deutschsprachige rund 1100 Lernstunden realistisch, vergleichbar mit Russisch und Polnisch. Der Aufwand liegt in der Grammatik.
- Beide Schriften, die lateinische und die kyrillische, sind lautgetreu und in wenigen Tagen lesbar. Sie sind kein Zeitfaktor.
- Die Zeit steckt in den sieben Fällen und im Verbalaspekt. Der Anfang ist zäh, ab etwa Monat sechs wird es flüssiger.
Die Stunden bis zu jedem Niveau
Serbisch und Kroatisch liegen für Deutschsprachige im gehobenen Aufwandsbereich, vergleichbar mit Russisch. Der Grund ist die slawische Grammatik, nicht die Schrift oder die Aussprache. Als Richtwerte gelten grob.
- Bis A2, Alltagssituationen bewältigen: rund 400 bis 500 Stunden.
- Bis B1, im Alltag durchkommen und zusammenhängend sprechen: rund 700 bis 800 Stunden.
- Bis B2, im Beruf argumentieren und Diskussionen folgen: rund 1100 Stunden.
- Bis C1, für anspruchsvolle Berufe: noch einmal 300 bis 400 Stunden darüber.
Eine Sprache oder vier?
Für die Zeitrechnung ist wichtig zu wissen: Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch sind sprachwissenschaftlich ein Kontinuum, dessen Varianten sich gegenseitig ohne Weiteres verstehen. Der Unterschied ist kleiner als der zwischen Deutsch und Schweizerdeutsch.
Das bedeutet: Wer eine Variante lernt, versteht alle. Du musst dich nicht viermal anstrengen, sondern lernst eine Sprache und wählst die Variante nach deinem Umfeld. Der spürbare Unterschied liegt vor allem in einem Teil des Wortschatzes und in der bevorzugten Schrift.
Für den Zeitaufwand heisst das eine gute Nachricht: Die politische Aufteilung in mehrere Standardsprachen ändert nichts an der Lernzeit. Es bleibt bei rund 1100 Stunden bis B2 für eine Variante, die dir alle anderen zugänglich macht.
Warum die Schrift kein Zeitfaktor ist
Anders als bei Russisch schrecken hier gleich zwei Schriften ab, und beide sind der leichteste Teil des Ganzen.
Kroatisch wird lateinisch geschrieben, Serbisch offiziell kyrillisch, in der Praxis aber häufig auch lateinisch. Beide Schriften sind streng lautgetreu, und es gibt eine Eins-zu-eins-Entsprechung zwischen ihnen: Jedes kyrillische Zeichen hat genau einen lateinischen Gegenpart.
Deshalb lohnt es sich, beide zu lernen, auch wenn du dich für die kroatische Variante entscheidest. Der Aufwand ist gering, wenige Tage, und du kannst danach Beschriftungen, Nachrichten und Dokumente aus dem ganzen Sprachraum lesen. Die Schrift ist bei dieser Sprache also erledigt, bevor der eigentliche Aufwand beginnt.
Wo die Zeit tatsächlich steckt
Wenn nicht die Schrift, was macht diese Sprache dann zeitaufwendig? Dieselben zwei Bereiche wie bei allen slawischen Sprachen.
Erstens die sieben Fälle. Das Deutsche hat vier, hier kommen der Instrumental, der Lokativ und der Vokativ dazu. Jeder Fall hat eigene Endungen nach Geschlecht und Zahl. Das ist die Hauptarbeit der ersten zwei Jahre.
Zweitens der Verbalaspekt: Fast jedes Verb existiert in zwei Formen, je nachdem ob eine Handlung als abgeschlossen oder als andauernd gedacht wird. Das ist keine Zeitform, sondern eine Bedeutungsunterscheidung ohne Entsprechung im Deutschen, und für viele die grössere Hürde als die Fälle. Der Anfang ist deshalb zäh, ab etwa Monat sechs kommen die häufigsten Muster automatisch, und es wird flüssiger.
Was leichter ist als erwartet
Gegen die Grammatik stehen einige Erleichterungen, die den Einstieg angenehmer machen.
Beide Schriften sind lautgetreu, sodass die Aussprache dem Schriftbild folgt. Es gibt wenige Laute, die es im Deutschen nicht gibt, und wer das Alphabet kann, liest jedes Wort korrekt vor. Das ist ein grosser Vorteil gegenüber Französisch oder Englisch.
Ausserdem gibt es keine Artikel, und für Menschen in der Schweiz kommt ein praktischer Vorteil dazu: Diese Sprache gehört zu den grösseren Sprachgemeinschaften des Landes, sodass Übungsgelegenheiten im Umfeld oft vorhanden sind. Wer sie nutzt, verankert die Fälle schneller als mit jeder Übung.