Ist Chinesisch schwer zu lernen?
Chinesisch gilt als eine der schwersten Sprachen, und das stimmt, aber nicht dort, wo die meisten es vermuten. Die Grammatik ist erstaunlich einfach.
- Ja, Chinesisch gehört zu den anspruchsvollsten Sprachen für Deutschsprachige und liegt auf unserer Skala bei 5 von 5. Töne und Zeichen sind der Grund.
- Die Töne, bei denen die Tonhöhe die Bedeutung ändert, und die tausenden Schriftzeichen fordern am meisten und machen Chinesisch zum mehrjährigen Vorhaben.
- Überraschend leicht ist die Grammatik: keine Konjugation, kein Geschlecht, kein Plural, keine Artikel. Deshalb spricht man früher, als man liest.
Was Chinesisch schwer macht
Der Ruf von Chinesisch als sehr schwerer Sprache stützt sich auf genau zwei Bereiche. Wer sie kennt, kann gezielt an ihnen arbeiten, statt sich von der Sprache pauschal abschrecken zu lassen.
- Die Töne. Im Hochchinesischen trägt die Tonhöhe Bedeutung: Dieselbe Silbe heisst je nach Tonverlauf etwas anderes. Es gibt vier Töne plus einen neutralen, und sie sind Teil des Wortes, nicht Beiwerk. Für Deutschsprachige ist das ungewohnt und braucht Training von Anfang an.
- Die Schriftzeichen. Chinesisch verwendet keine Buchstaben, sondern Zeichen mit je eigener Bedeutung und Aussprache. Für einen erwachsenen Lesestand braucht es mehrere tausend, die über Jahre aufgebaut werden.
- Das Hörverstehen. Weil viele Silben gleich klingen und sich nur im Ton unterscheiden, ist das Verstehen anfangs schwer und verlangt viel Übung.
Was überraschend leicht ist
Gegen die zwei schweren Bereiche steht eine Grammatik, die zu den einfachsten der Welt gehört, und das ist der Grund, weshalb Chinesisch nicht in jeder Hinsicht schwer ist.
Chinesische Verben werden nicht konjugiert. Es gibt keine Zeitformen im europäischen Sinn, keine Personalendungen, kein grammatisches Geschlecht, keinen Plural und keine Artikel. Die Zeit ergibt sich aus kleinen Zusatzwörtern und dem Zusammenhang.
Das bedeutet: Sobald die Töne und ein Grundwortschatz sitzen, bildet man erstaunlich schnell einfache, korrekte Sätze, weil die Struktur so schlank ist. Auch die Wortbildung ist oft durchsichtig, weil sich Begriffe aus einfachen Bausteinen zusammensetzen, deren Bedeutung man erkennt.
Warum man früher spricht als liest
Wie beim Japanischen liegen Sprechen und Lesen bei Chinesisch weit auseinander, und das prägt, wie sich die Schwierigkeit anfühlt.
Weil die Grammatik einfach ist und die Umschrift Pinyin die Aussprache zugänglich macht, kann man relativ früh einfache Gespräche führen. Das Lesen dagegen hängt an den Zeichen, die über Jahre aufgebaut werden. Es ist normal, sich mündlich schon zurechtzufinden und einen Text noch kaum entziffern zu können.
Für Lernende heisst das: Wer vor allem sprechen und verstehen will, erreicht ein brauchbares Niveau schneller, als der Ruf der Sprache nahelegt, sofern die Töne sitzen. Die volle Schwierigkeit entfaltet sich erst mit dem Anspruch, auch lesen und schreiben zu können.
Wie schwer im Vergleich
Auf unserer fünfstufigen Skala liegt Chinesisch bei 5 von 5, im höchsten Aufwandsbereich, zusammen mit Japanisch und Arabisch. Es ist damit deutlich fordernder als die europäischen Sprachen.
Der Unterschied zu Japanisch: Chinesisch hat Töne und nur ein Schriftsystem bei sehr einfacher Grammatik, Japanisch hat keine Töne, aber drei Schriftsysteme und Höflichkeitsstufen. Beide sind insgesamt vergleichbar aufwendig, nur an verschiedenen Stellen. Wer mit Tönen gut zurechtkommt, empfindet Chinesisch oft als das logischere der beiden.
Für die Motivation zählt: Der grösste Teil des Aufwands steckt in Tönen und Zeichen und verteilt sich über Jahre. Die einfache Grammatik sorgt für frühe Erfolge beim Sprechen, und dieser Erfolg trägt über die lange Strecke, wenn man ihn bewusst nutzt.
So gehst du die Schwierigkeit an
Weil die Schwierigkeit auf zwei Bereiche konzentriert ist, lässt sie sich gezielt angehen.
Nimm die Töne von der ersten Stunde an ernst und arbeite mit dem Ohr und mit Nachsprechen, am besten mit einer korrigierenden Lehrperson. Sie sind der Punkt, an dem sich früh entscheidet, ob dich Muttersprachler verstehen, und späteres Korrigieren ist mühsam.
Baue die Zeichen von Anfang an kontinuierlich auf, in kleinen Portionen mit einem Wiederholungssystem und im Zusammenhang echter Wörter. Nutze, dass viele Zeichen aus wiederkehrenden Bausteinen bestehen, weil das mit der Zeit Muster sichtbar macht und das Lernen beschleunigt. Und schäme dich nicht, für den Einstieg mit Pinyin zu sprechen, bevor du viele Zeichen kennst.